Die Zerschlagung von Ö1 beginnt

Wir haben es bereits beim Beschluss des Funkhausverkaufs 2014 vorhergesagt: Ö1 wird mit der Übersiedlung aus dem Wiener Funkhaus auf den Küniglberg seine Eigenständigkeit verlieren.

 

Zwar versicherte nach Protesten die ORF-Geschäftsführung, Ö1 werde auch auf dem Küniglberg seine Autonomie behalten (ORF-Generaldirektor Wrabetz ging zum 50.Geburtstag von Ö1 im Herbst 2017 sogar so weit, die finanzielle Stärkung von Ö1 zu versprechen), die diesen Versprechen jetzt folgende Wahrheit sieht aber ganz anders aus: Die "multimedialen Cluster" auf dem Küniglberg, in die Ö1 eingebracht wird, werden durch die Hintertür sogar noch früher eingeführt als ursprünglich angekündigt.

 

Die Zerschlagung von Ö1 - jetzt ist sie da

 

Ein Trakt des Funkhauses - der Teil des Straßentrakts mit dem Radiocafé - wurde vor kurzem tatsächlich verkauft, ohne dass es das angekündigte Ö1-Haus auf dem Küniglberg schon gäbe. Trotzdem soll die Religionsabteilung von Ö1 bereits Anfang 2020 auf den Küniglberg zur Religionsabteilung des Fernsehens übersiedeln. Damit gehört die "Radioreligion" höchstens noch auf dem Papier zu Ö1.

 

Das hat nichts mit innovativer transmedialer Kooperation von Fernsehen, Radio und Internet oder Jobrotation zwischen den Medien zu tun, wie sie bereits erfolgreich praktiziert wird. Sondern das ist ein Personalabbauprogramm in purer neoliberaler Logik. Bei "Synergien" dieser Art geht es nicht um Inhalte, sondern höchstens noch darum, mit kaputt gesparten Redaktionen über die Runden zu kommen.

 

Die ORF-Geschäftsführung spricht davon, Ö1 für die Herausforderungen der Zukunft fit machen zu wollen. Warum sie das ausgerechnet mit einem Modell von gestern erreichen will, versteht niemand. Ö1 und seine korrespondierenden Fernsehabteilungen arbeiten sehr unterschiedlich. Wenn unter hohem Personal- und Zeitdruck Redakteur/innen Inhalte in allen Formaten im Akkord produzieren müssen, wird das eigenständige Ö1-Profil binnen kürzester Zeit Geschichte sein.

 

Verschwendungsprojekt Funkhausverkauf

 

Eine maßgeblich treibende Kraft hinter diesen Vorgängen, somit auch der Mann hinter der Zerschlagung von Ö1, ist Pius Strobl. Der Bauherrenvertreter des ORF nutzt insbesondere das Machtvakuum zwischen Ibiza und Neuwahlen, um das große Verschwendungsprojekt Funkhausverkauf - Absiedlung der Radios Ö1 und fm4 und Neubauten auf dem Küniglberg - durchzuziehen.

 

Wie mittels Analysen von Wirtschaftsprüfern, Unternehmern und Baufachleuten längst aufgezeichnet wurde, basiert der Beschluss zum Funkhausverkauf 2014 auf einem behaupteten unrealistisch teuren "Sanierungsbedarf" des Funkhauses. Schon weil sich der ORF dadurch in unnötige Ausgaben in zweistelliger Millionenhöhe stürzt, kann er sich personell gut ausgestattete Redaktionen, wie sie für unabhängigen Journalismus zwingend erforderlich sind, nicht mehr leisten. Dass überhaupt abgebaut werden muss, wird vom langen Arm der Ex-Regierungsparteien, dem ORF-Stiftungsrat, vorgegeben, zur Freude jener Politik, der ein unabhängiger Journalismus nur im Weg ist.

 

Fazit: Der ORF muss nicht von außen zerstört werden. Der ORF zerstört sich gerade selbst.

 

Klimakiller ORF

 

Vom Funkhaus wurde erst ein kleinerer Teil verkauft, und die neue Flächenwidmung, die den weiteren Ausverkauf erlaubt, ist noch nicht beschlossen.

 

Es werden derzeit zahlreiche Einsprüche bei der Stadt Wien gegen die (Um-)Widmung des gesamten Funkhaus-Areals - in erster Linie zu Wohnzwecken - vorgebracht. Es gibt viele Gründe für diese Einsprüche, einer ist, dass mit der Übersiedlung auf den Küniglberg auch der Berufsverkehr des Funkhauses in eine städtisch entlegene Lage ohne U-Bahn- und Straßenbahnanbindung mitübersiedelt wird, was nach Berechnungen von Experten 1,2 - 2 Millionen gefahrene Kilometer mehr pro Jahr zur Folge hat.

 

Am Küniglberg laufen gerade (bereits als Spatenstich vermarktete) Abbrucharbeiten, um Platz für Neubauten zu schaffen, diese Neubauten gibt es noch nicht. Sie gibt es erst und nur dann, wenn der nächste Stiftungsrat die bisherige Zielrichtung beibehält.

 

In diesem Zusammenhang sollte es dem ORF zu denken geben, dass 6 der 8 bundesweit kandidierenden Parteien dezidiert für den Verbleib des ORF im Funkhaus sind, und eine siebente Partei den Absiedlungs-Beschluss ausdrücklich bedauert. Nur die ÖVP unterstützt das heftige Betreiben ihrer Stiftungsratsmitglieder, schnell noch unwiderrufliche Tatsachen zu schaffen, das sei "Sache des ORF-Managements" (mehr dazu siehe hier

 

Es versteht sich von selbst, dass wir alles unternehmen werden, die de facto-Zerstörung von Ö1 zu durchkreuzen. Genauso wie wir alles unternehmen werden, um den ORF insgesamt vor der Zerstörung zu schützen.

 

Nach der Nationalratswahl am kommenden Sonntag wird eine neue Koalition die Arbeit der letzten Koalition fortsetzen, es wird ein neuer ORF-Stiftungsrat dem bisherigen folgen und ein neuer Anlauf zur ORF-Reform dem der letzten Legislaturperiode. Wir werden die Parteien an ihre vor der Wahl abgegebene Positionierung erinnern und die Unterstützung von Ö1 und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einfordern.

 

Gerhard Ruiss / John Morrissey

Wir für den ORF und

IG Autorinnen Autoren

Wien, 25.9.2019